Das Kurt Goldstein Institut

Der Namensgeber unseres Instituts - Kurt Goldstein - steht für eine holistisch-phänomenologische Art der Weltbetrachtung. Wir sind seinem Ansatz verpflichtet, der gerade in der Gestalttherapie von Lore Perls seinen psychotherapeutischen Ausdruck gefunden hat.

Der Ausgangspunkt seiner Forschungen ist der Mensch und er entwirft ein holistisches Bild der Natur des Menschen. Kurt Gold­stein wendet sich, obwohl selbst empirisch forschend, gegen die Strömungen seiner Zeit, die empirische Ergebnisse isoliert vom Gesamtorganismus und auch isoliert vom Individuum betrachten. Für ihn sind empirische Ergebnisse immer vor dem Hintergrund ihrer Bedeutung für den Gesamtorganismus und seiner Biografie zu bewerten, bzw. ist die Bedeutung für den Gesamtorganismus ein Kriterium für die Bedeutung der Untersuchungsergebnisse an sich. Es ist dies eine Art der Weltbetrachtung, die sich auch auf Organisationen anwenden lässt.

Kurt Goldstein emigrierte 1934 auf der Flucht vor den Nationalsozialisten in die USA, wurde amerikanischer Staatsbürger und lebte dort bis zu seinem Tod 1965. In Deutschland wurde und wird die Arbeit Kurt Goldsteins immer noch wesentlich weniger rezipiert als im Ausland. Dabei ist sein Einfluss enorm. Goldsteins Ansatz ist ein erkenntnistheoretischer Rahmen biologischer Phänomene und den zugehörigen geistigen Vorgängen. Er beeinflusste maßgeblich die französische Phäno­menologie (Merleau-Ponty) und Wissenschaftsgeschichte (Canguilhem), die amerikanische Gestalttherapie (Fritz und Lore Perls), die Humanistische Psy­chologie (Maslow, Rogers) und die kulturhistorische Schule der russischen Psychologie (Wygotski, Luria). „Verwischte Spuren“ seines Werkes finden sich noch bei Michel Foucault. Goldstein, der von 1878 bis 1965 lebte, hielt Kon­takt zum Gestaltpsychologen Max Wertheimer und bis ins hohe Alter verband ihn eine enge Freundschaft mit dem Theologen Paul Tillich. Mit diesem pflegte er einen ebenso intensiven wech­selseitigen Austausch wie mit dem Sprachphilosophen Ernst Cassirer. Goldstein selbst sah sich am stärksten von Kant, Husserl und Goethe beeinflusst (Hoffman, 2017). Kurt Goldsteins Basis war die empirische Forschung auf Grundlage der phä­nomenologischen Methode. Die Phänomenologie fordert eine unvoreinge­nommene Beschreibung der sich zeigenden Phänomene, die jeder Theoriebil­dung vorauszugehen hat. Neben empirisch gewonnenen Erkenntnissen sind Begriffe wie Freiheit, Angst und Mut zentrale Kategorien im Denken und For­schen von Kurt Goldstein. Diese Kategorien machen sein Werk anschlussfähig an existenzphilosophische Fragestellungen und haben zu einem intensiven Austausch mit dem Theologen Paul Tillich geführt.

Kurt Goldstein plädiert – im Gegensatz zum aktuellen Diskurs – für eine Wissenschaft vom Menschen, die sich methodisch von der Erforschung bloßer Materie unterscheiden muss, um ihrem Untersuchungsgegenstand gerecht zu werden. Kurt Goldstein waren die Grenzen der naturwissenschaftlichen Methode bewusst, insbesondere in Bezug auf das Verständnis der Natur des Menschen. Aus seiner Sicht lässt sich der Mensch nur als Ganzheit, eingebettet in eine Umwelt mit sozialen Bezügen verstehen. Dieses ganzheitliche Verständnis kann nur erlangt werden, indem isoliert gewonnene wissenschaftliche Erkenntnisse zu einem sinnhaften Ganzen kombiniert werden, das über Ursache-Wirkungszusammenhänge hin­ausgeht indem sie zu einer Gestalt geordnet werden. Goldsteins epistemisches Verständnis von Empirie führen ihn zu einer umfassenderen Bewertung seiner neurobiologischen Befun­de, aus der er eine eigenständige Anthropologie entwickelt.