Dialogisch reisen

Lebenskunst in Zeiten von Globalisierung


 [Anklang]

Lebenskunst und Globalisierung – Ethik und Ökonomie – Dialog und Gespräch – Irritation und Erschütterung – Freiheit und Zwang – Zweck und Selbstzweck – Ursachen und Gründe – Politik und Gesellschaft – Natur und Technik – Ästhetik und Gestalt – Räume und Perspektiven – Figur und Hintergrund – Hier und Jetzt – Existenz und Sein – Paradoxa und Pole – Schwere und Leichtigkeit – Erfolg und Leben – Glück und Haltung – Sprache und Welt – Philosophie und Naturwissenschaft


Die Lösung für alles ist Salzwasser: Schweiß, Tränen oder Meer. (Tania Blixen)


Unser Leben verläuft nicht stetig. Es gibt immer wieder Momente im Leben, beruflich wie privat, die uns betroffen machen, ängstigen, verärgern, verunsichern, verstören, erschüttern, aus dem Gleichgewicht bringen. Momente oder Zeiten, in denen Angst, Ratlosigkeit, Selbstzweifel, Wut, Verzweiflung, Sinnfragen kurz oder auch länger aufscheinen. Momente oder Zeiten, die uns mehr oder weniger irritieren oder erschüttern. Häufig treten diese Irritationen wieder in den Hintergrund oder werden vom Alltagsgeschehen zurückgedrängt. Doch manche dieser Irritationen melden sich immer wieder zu Wort, sind latent vorhanden und verstummen nicht – manchmal lauter, manchmal leiser. Sie beeinflussen uns und lassen uns nicht mehr los. Irgendetwas fragt beständig an, manchmal sehr deutlich und manchmal kaum spürbar.

Diese Art der Irritation und Erschütterung sind häufig so wenig greifbar wie Nebel und können doch überwältigen. Sie haben den Charakter diffuser Stimmungen. Sie gleichen mehr Atmosphären und sind wenig konkret. Diese Irritationen und Erschütterungen sind nicht identisch mit der konkreten irritierenden Situation, sie sind das, was sich hinter konkreten Situationen verbirgt. Die Beschäftigung mit ihnen ist schwierig. Vieles haben wir schon versucht, doch die Irritation bleibt. Ja oft fehlt jeder Ansatz uns überhaupt diesen Irritationen irgendwie nähern zu können, bis hin zu Gefühlen von Ausweglosigkeit und Resignation. Alles was wir tun können, scheint einfach weiter mit aller Macht gut zu funktionieren. Für das Funktionieren gibt es immer irgendwelche Lösungen und vielgestaltigen Rat. Doch trotz allem Funktionieren – die Irritation bleibt und zieht mit Gewicht.

Nicht jeder wird den Drang verspüren, diesen Irritationen nachzugehen, vielleicht beängstigen sie sogar. Manche Menschen spüren aber eine tiefe Betroffenheit und eine gewichtige Bedeutung dieser Irritationen für ihr Leben. Sie nehmen es auf sich, sie zu ergründen.

Wir sind es gewohnt die Welt in Ursache-Wirkungszusammenhängen zu strukturieren. Ein Paradigma so geläufig, dass wir es auf alle Lebensbereiche anwenden ohne darüber einen Gedanken zu verlieren. Das Denken in Ursachen und in Wirkungen ist das naturwissenschaftliche Paradigma. Es ist die Methode zur Untersuchung unbelebter Materie. Es hat uns durch die Möglichkeit Vorhersagen zu treffen enormen technischen und ökonomischen Fortschritt beschert. Doch dieses Paradigma hat Grenzen, wie sich an der globalen Zerstörung unseres Lebensraumes ablesen lässt. Diese Grenzen werden noch deutlicher, wenn wir uns selbst mit diesem Paradigma zu fassen suchen. Der Mensch ist kein Ding unter Dingen, das rein objektiv-quantitativ-logisch erfassbar wäre. Wenn wir versuchen uns auf diese Art zu verstehen, verfehlen wir uns. Wir finden keinen Ansatzpunkt unsere Irritationen zu greifen und unsere Lösungsansätze verpuffen.

Gesetzt die Gestaltung unseres Lebens kommt einer Kunst gleich, dann ist unser Leben ein Kunstwerk. Der Zugang zu einem Kunstwerk kann nicht analytisch-deduktiv sein, möchten wir es in seiner Gesamtheit erfassen. Ein Kunstwerk ist eine Ganzheit, eine Gestalt und der Zugang zu ihm folgt den Anmutungen der Ästhetik. Es ist die Qualität der Stimmigkeit, die beim Erfassen eines Kunstwerks die zentrale Kategorie ist. Stimmigkeit, die  nicht verwechselt werden darf mit Schönheit, Leichtigkeit oder Harmonie. Stimmigkeit ist eine eigenständige Begrifflichkeit und kann auch Hässlichkeit, Schwere oder Dissonanz umfassen. Wenn wir unser Leben als gestalthaftes Kunstwerk betrachten, dann ist Stimmigkeit die Richtschnur, an der wir uns orientieren um uns zu verorten. Wir können so dem Paradigma der gestalthaften Anmutung folgen, wenn wir unsere Irritationen und damit unser Leben erfassen möchten.

Aber was hat das Alles mit knallhartem Business und einem Überleben in einer globalisierten Welt zu tun, wo nur der Starke überlebt, wo alles eine Ursache hat und einen Zweck erfüllt? Was bringt mir denn diese Sichtweise im täglichen Überlebenskampf?  Alles und Nichts lautet die Antwort. Denn wie ein Kunstwerk keinen Zweck erfüllt, so erfüllt das menschliche Leben keinen Zweck. Das menschliche Leben ist niemals Zweck. Paradoxerweise liegt gerade darin seine Bedeutung, sowohl des Kunstwerks wie die des Lebens. Beide sind zweckfrei, sie müssen sich selbst genügen. Anders wird das Leben nicht zur Kunst sondern zur Mühsal. Das Leben ist paradox und kann nur so verstanden werden, ein Anfang und ein Ende in einem. Im Paradoxon erschließt sich Sinn im Da-Sein. Die Auseinandersetzung mit dem Leben umfasst alles, auch und gerade den Kampf ums Da-Sein.

Dürfen wir uns einfach selbst genügen? Wohl kaum, folgen wir den Normierungen unserer globalisierten Welt. Wir haben Anforderungen zu erfüllen und Leistung zu erbringen. Traumtänzer wer anders denkt. Wäre da nicht manchmal dieses nagende Fragen, das lediglich in den Hintergrund tritt, aber nicht aufhört, wir würden nichts anzweifeln. Es kommt wie aus einer anderen Dimension. Manchmal gelangen wir an einen Punkt, an dem es härter ist, die Irritationen und Erschütterungen zu ignorieren als ihnen nachzugehen. Es geht dann um mehr als bloßes Funktionieren, es geht um einen Mehrwert, der in sich kein Mehrwert ist. Was uns erwartet, wenn wir uns diesen irritierenden Fragen aus der Perspektive der Lebenskunst zuwenden, ist ungewiss. Der Perspektivwechsel will neue Räume für anders geartete Lösungen eröffnen. Unbekannte Räume lassen uns aber auch zurückschrecken. Schnelle, gar einfache Lösungen sind so nicht zu erwarten, viel mehr situationsgemäße Entwicklung und Veränderung in angemessenen Schritten.

Wir holen irritierende, bewegende Fragen aus dem Hintergrund und lassen sie zur Figur werden. Nehmen wir Figur und Hintergrund in Eines, so entsteht die Gestalt. Die Gestalt ist die Figur vor dem Hintergrund, dem sie entspringt. Der strukturgebende Hintergrund ist so individuell wie die fragenden Figuren. Unser Hintergrund ist was uns ausmacht, als Individuum in seinem Geworden-Sein wie in seinem Eingebunden-Sein in persönliche Situationen und gesellschaftliche Strukturen. Lebenskunst heißt ästhetische Gestalten entstehen zu lassen. Lebenskunst heißt damit nicht nur Gestaltung seiner selbst, sondern auch Veränderung von hintergründigen Strukturen bis hin zur Infragestellung gesellschaftlicher, ökonomischer und sozialer Normierungen.

Gestalten entstehen im Raum des dialogischen Zwischen. Im Raum zwischen Menschen oder im Raum zwischen Mensch und Natur. Dialog ist ein Gespräch mit einem Zentrum, in dem es um Verstehen geht, nicht um Rechthaben oder Kategorien wie richtig und falsch. Dialog ist kein Austausch von Informationen. Dialog ist Begegnung, die uns andere Menschen oder Natur nicht in ihrer Dinghaftigkeit erfahren lässt. Natur hilft uns dabei uns „einzusammeln“. Der „eingesammelte“ Mensch ist fähig zum Dialog. Dialog schafft den Raum für ästhetische Gestalten. Die Fähigkeit zum Dialog ist die Möglichkeitsbedingung der Lebenskunst.

Die Erfahrung des dialogischen Zwischen verändert unsere Haltung zum Leben, zur Arbeit und zu Menschen. Die dialogische Haltung schafft Raum für Erkenntnis, ist aber nicht geeignet für Alltagssituationen, in denen Entscheidungen getroffen werden müssen. Sie kann aber zum tragenden Grund unserer Handlungen werden ohne selbst aufzuscheinen. Sie schimmert gleichsam durch unsere Handlungen, die auf Erfordernisse antworten, die selbst nicht dialogischer Natur sind.

[Widerhall]

Wir streben keine Veränderung an der Oberfläche an. Der Widerhall aus der Tiefe, den dieses dialogische Angebot in seinem Anklang vielleicht erzeugt, entsteht in der Resonanz für die Möglichkeit einer veränderten Sichtweise. Dialog und Natur sind die tragenden Elemente, wenn wir uns den irritierenden Fragen und den Spannungsfeldern unseres Da-Seins öffnen. In Dialogen greifen wir Irritationen und Erschütterungen auf, um Verschüttetes freizulegen. Dialoge geben Zeit und Raum die Erschütterungen unter einer neuen Perspektive zu erforschen.

[Die Reise]

Für die Dauer von mehren Tagen treten wir mit der uns umgebenden Natur in Kontakt und vielleicht in einen Dialog. Wir nutzen die tragende Gruppe als unterstützendes Element in der dialogischen Auseinandersetzung mit unseren Gestalten oder führen Einzelgespräche. Unser Vorhaben ist es, mehr über unsere prägenden Gestalten zu erfahren und zu erleben wie wir mit und an ihnen arbeiten können um vielleicht eine offene Gestalt zu schließen. Dialog ist die Weise einen Schritt in der Kunst zu leben zu wagen. Vorgespräche geben uns die Sicherheit über die Tragfähigkeit des Widerhalls. Land und Meer schenken uns den Rahmen. Wir segeln und folgen den Spuren von Odysseus oder lassen uns von der archaischen Kraft Islands berühren. Wir erleben, erfahren die Natur und treten durch unsere Gestalten hindurch in einen Dialog.

[Ihre Begleitung im dialogischen Geschehen]

Christian Fuchs, Unternehmer, Ingenieur, leidenschaftlich Philosophierender, Gestalt- und Traumatherapeut, beständig getrieben vom Interesse am Menschen, am Sein, am Leben. Immer auf der Suche nach Dialog und Veränderung jenseits eingeschliffener Bahnen und immer bestrebt den Bezug zur Realität und ihren Erfordernissen nicht zu verlieren.

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Meine Seele hat es eilig.

Ich habe meine Jahre gezählt und festgestellt,  dass ich weniger Zeit habe, zu leben, als ich bisher gelebt habe.

Ich fühle mich wie dieses Kind, das eine Schachtel Bonbons gewonnen hat: die ersten essen ißt es mit Vergnügen, aber als es merkt, dass nur noch wenige übrig sind, beginnt es, sie wirklich zu genießen.

Ich habe keine Zeit für endlose Konferenzen,  bei denen die Statuten, Regeln, Verfahren und internen Vorschriften besprochen werden, in dem Wissen, dass nichts erreicht wird.

Ich habe keine Zeit mehr, absurde Menschen zu ertragen , die ungeachtet ihres   Alters nicht gewachsen sind.

Ich habe keine Zeit mehr, mit Mittelmäßigkeit zu kämpfen.

Ich will nicht in Besprechungen sein, in denen aufgeblasene  Egos aufmarschieren.

Ich vertrage keine Manipulierer und Opportunisten.

Mich stören die Neider, die versuchen, Fähigere in Verruf zu bringen, um sich ihrer Positionen, Talente und Erfolge zu bemächtigen.

Meine Zeit ist zu kurz um Überschriften zu diskutieren. Ich will das Wesentliche, denn meine Seele ist in Eile. Ohne viele Süßigkeiten in der Packung. 

Ich möchte mit Menschen leben, die sehr menschlich sind. Menschen, die über ihre Fehler lachen können, die sich nichts auf ihre Erfolge einbilden. Die  sich nicht vorzeitig berufen fühlen und die nicht vor ihrer Verantwortung fliehen. Die die menschliche Würde verteidigen und die nur an der Seite der Wahrheit und Rechtschaffenheit gehen möchten. Es ist das, was das Leben lebenswert macht.

Ich möchte mich mit Menschen umgeben, die es verstehen, die Herzen anderer zu berühren. Menschen, die durch die harten Schläge des Lebens lernten, durch sanfte Berührungen der Seele zu wachsen.

Ja, ich habe es eilig, ich habe es eilig, mit der Intensität zu leben, die nur die Reife geben kann.

Ich versuche, keine der Süßigkeiten, die mir noch bleiben, zu verschwenden. Ich bin mir sicher, dass sie köstlicher sein werden, als die, die ich bereits gegessen habe.

Mein Ziel ist es, das Ende zufrieden zu erreichen, in Frieden mit mir, meinen Lieben und meinem Gewissen.

Wir haben zwei Leben und das zweite beginnt, wenn du erkennst, dass du nur eins hast.

Ricardo Gondim (Im Original "O Tempo que Foge")